In seinem Traum befindet er sich in einem kleinen Raum, dessen Front offen ist. Vielleicht ist es ein Lagerraum, oder auch eine große Garage ohne Tor. Es befinden sich einige quadratische, vielleicht einen Meter hohe, silbermatte Metallkisten im Raum. Hinter diesen Kisten hocken einige Männer, die mit Gewehren nach draußen zielen. Elias sieht dies und dreht sich in die Richtung der Gewehre und schaut raus. Draußen erstreckt sich ein großer Platz, unterbrochen durch zwei schmale Straßen. Gebäude sind weit hinter dem Platz zu erkennen, auf dem Platz selbst stehen einige Schiffscontainer, vielleicht so etwa um die fünfzehn bis zwanzig an der Zahl. Es sind sehr viele Menschen auf dem Platz, die sich hinter den Containern verschanzt haben und ebenfalls mit Schusswaffen in alle Richtungen zielen. Es ist wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm, bis sich draußen der erste Schuss löst. Sofort beginnt das Getöse, nun schießt jeder auf jeden. Die Männer, die sich mit Elias im Raum befinden, beginnen ebenfalls zu schießen.
Einer dieser Männer hat ein altes Repetiergewehr. Er hockt hinter einer Metallkiste, die sich rechts neben Elias befindet, hat das Gewehr auf selbigem gestützt und feuert im Sekundentakt. Sein Grinsen dabei hat etwas Bestialisches. Dieses Grinsen aber erstarrt plötzlich und verwandelt sich zu einem O, als wolle er gerade „Oh, Scheißeeee!“ sagen. Im gleichen Augenblick platzt sein Hinterkopf auseinander, eine Kugel tritt aus und bohrt sich in den Spiegel an der Wand dahinter. Es heißt, zerbrochene Spiegel bringen sieben Jahre lang Unglück, aber dieser Mann wird keine sieben Jahre mehr haben. Einige Sekunden lang versucht er verkrampft nach oben zu seiner Stirn zu blicken, mit einem erstaunten Ausdruck im Gesicht und dem „O“ auf den Lippen. Dann fällt er seitlich nach rechts um.
Elias beobachtet dies sehr genau, folgt mit seinen Augen dem umfallenden Körper. Sein Blick trifft auf den eines weiteren Mannes, der sich hinter der nächsten Kiste verschanzt hat. Seine Augen sind zusammengekniffen und haben etwas an sich, dass Elias das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Blicke treffen sich vielleicht nur einen winzigen Augenblick, aber für Elias kommt es wie Minuten vor. Der Mann wendet sich sofort wieder ab, legt den Kopf an, zielt und schießt. Aber es ertönt nur ein Klicken. Jeder andere wäre wenigstens überrascht gewesen und hätte ein, zwei Sekunden gebraucht, um zu reagieren. Dieser jedoch greift unmittelbar nach dem Klicken, als ob er schon damit gerechnet hätte, zu seinen beiden Revolvern, die vorne in seinem Gürtel stecken, und rennt los. Er schreit und zielt mit den Revolvern nach vorne. Kurz bevor er den ersten Schuss abgeben will, passiert etwas Entscheidendes: Er ist losgerannt, hat gerade ein paar Schritte gemacht, und als er den nächsten Schritt machen will, in dem er den linken Fuß zum Schritt anhebt, trifft eine Kugel das Gelenk des rechten Fußes. Der Mann fällt schreiend vornüber, mit dem Kopf voran, als wolle er ein Salto machen. Unglücklicherweise gibt noch sein Gehirn, das die aktuelle Entwicklung noch nicht mitgekriegt hat, den zuletzt geplanten Befehl an den rechten Zeigefinger durch. Der Schuss löst sich im gleichen Augenblick, als seine Hand durch den Aufprall auf den Fußboden unnatürlich samt Waffe umknickt. Die Kugel trifft vorne in den Hals ein und schießt durch das Genick durch. Röchelnd verstummt der letzte Schrei des Unglückseligen.
Elias kann zunächst keinen klaren Gedanken fassen, allein nur der Reflex befiehlt ihm, sich zu ducken. Er kauert nun hinter der Metallkiste, hinter der er vorhin noch steht, und fühlt sich etwas sicherer. Die Kisten scheinen einigermaßen durchschusssicher zu sein.
Er atmet tief durch, Minuten vergehen, hinter ihm ertönen weitere Schüsse, unterbrochen durch Schreie. Elias beruhigt sich allmählich, und sein Verstand beginnt zu arbeiten. Nun überlegt er, was er tun kann. Er hat selbst keine Waffen, selbst wenn, er hat noch nie im Leben eine Waffe abgedrückt. Und wie die beiden Männer vorhin eindrucksvoll bewiesen haben, bringt eine Gegenwehr nicht die erwünschte Wirkung. Um einen Ausweg zu planen, muss man wissen, in welcher Lage man sich befindet. Er nimmt also eine der Spiegelscherben, die bis zu ihm geflogen sind, und benutzt sie, um hinter sich auf den Platz zu blicken.
Die Leute fallen um wie die Fliegen, für jeden, der getroffen wird, scheinen zwei neue zu kommen. Woher sie kommen, kann Elias nicht sehen. Sie sind irgendwie überall.
Was ist passiert, wie kann es kommen, dass so viele Menschen aufeinander schießen, fragt sich Elias. Dann bekommt er Klarheit. Dies kann nicht die Wirklichkeit sein. »Es ist viel zu unreal, als dass es real sein könnte« murmelt er und schmunzelt über seine eigene Wortwahl. Er ist nun in einer Art des Wachzustandes innerhalb des Traumes. Er weiß, dass er träumen muss, und er weiß, dass er nun in der Lage ist, seinen Traum nach Belieben abzuändern und seinen Wünschen entsprechend zu gestalten. Er schaut auf den Spiegel und sieht zu, wie die Veränderungen anfangen. Zuerst verwandelt sich die Landschaft in eine grüne Wiese, durchsetzt mit einigen Bäumen, ganz langsam und verschwommen. Die Leute aber schießen weiter um sich. Nun steht Elias auf und dreht sich den Leuten zu. Auch der Lagerraum ist nicht mehr da. Es sind gar keine Gebäude mehr da, keine Container, keine Kisten. Er hebt beide Hände und streckt sie aus. So als wenn er wie ein Redner seine aufgebrachten Zuhörer beruhigen wolle. Die Waffen verschwinden, die Menschen verbleiben, verändern sich aber. Die wilden, wütenden Fratzen, die sie bis eben noch geschnitten haben, verschwinden. Sie werden ersetzt durch äußerst friedfertige, zufriedene Blicke, die ganze Lage entspannt sich.
Auch Elias lächelt ein äußerst friedfertiges, zufriedenes Lächeln, bis sich auf einmal die Mienen der Menschen erneut verändern. Diesmal ohne das Zutun von Elias. Die Mienen verdunkeln sich, die Körper der Menschen verschwimmen, bis man nur noch schemenhafte Gestalten wahrnimmt. Die Augen werden zu kleinen schwarzen Dreiecken und verdrehen sich gegeneinander, außen nach unten und innen nach oben. Die Münder werden aufgerissen und weiten sich spitz nach unten, wie auf dem Gemälde, das Elias unfreiwillig ermalt hat. Und sie sehen alle Elias an. Elias will schreien, aber kein Laut kommt über seine Lippen.
Schweißgebadet wacht er auf.


