In seinem Traum befindet er sich in einem kleinen Raum, dessen Front offen ist. Vielleicht ist es ein Lagerraum, oder auch eine große Garage ohne Tor. Es befinden sich einige quadratische, vielleicht einen Meter hohe, silbermatte Metallkisten im Raum. Hinter diesen Kisten hocken einige Männer, die mit Gewehren nach draußen zielen. Elias sieht dies und dreht sich in die Richtung der Gewehre und schaut raus. Draußen erstreckt sich ein großer Platz, unterbrochen durch zwei schmale Straßen. Gebäude sind weit hinter dem Platz zu erkennen, auf dem Platz selbst stehen einige Schiffscontainer, vielleicht so etwa um die fünfzehn bis zwanzig an der Zahl. Es sind sehr viele Menschen auf dem Platz, die sich hinter den Containern verschanzt haben und ebenfalls mit Schusswaffen in alle Richtungen zielen. Es ist wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm, bis sich draußen der erste Schuss löst. Sofort beginnt das Getöse, nun schießt jeder auf jeden. Die Männer, die sich mit Elias im Raum befinden, beginnen ebenfalls zu schießen.

Einer dieser Männer hat ein altes Repetiergewehr. Er hockt hinter einer Metallkiste, die sich rechts neben Elias befindet, hat das Gewehr auf selbigem gestützt und feuert im Sekundentakt. Sein Grinsen dabei hat etwas Bestialisches. Dieses Grinsen aber erstarrt plötzlich und verwandelt sich zu einem O, als wolle er gerade „Oh, Scheißeeee!“ sagen. Im gleichen Augenblick platzt sein Hinterkopf auseinander, eine Kugel tritt aus und bohrt sich in den Spiegel an der Wand dahinter. Es heißt, zerbrochene Spiegel bringen sieben Jahre lang Unglück, aber dieser Mann wird keine sieben Jahre mehr haben. Einige Sekunden lang versucht er verkrampft nach oben zu seiner Stirn zu blicken, mit einem erstaunten Ausdruck im Gesicht und dem „O“ auf den Lippen. Dann fällt er seitlich nach rechts um.

Elias beobachtet dies sehr genau, folgt mit seinen Augen dem umfallenden Körper. Sein Blick trifft auf den eines weiteren Mannes, der sich hinter der nächsten Kiste verschanzt hat. Seine Augen sind zusammengekniffen und haben etwas an sich, dass Elias das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Blicke treffen sich vielleicht nur einen winzigen Augenblick, aber für Elias kommt es wie Minuten vor. Der Mann wendet sich sofort wieder ab, legt den Kopf an, zielt und schießt. Aber es ertönt nur ein Klicken. Jeder andere wäre wenigstens überrascht gewesen und hätte ein, zwei Sekunden gebraucht, um zu reagieren. Dieser jedoch greift unmittelbar nach dem Klicken, als ob er schon damit gerechnet hätte, zu seinen beiden Revolvern, die vorne in seinem Gürtel stecken, und rennt los. Er schreit und zielt mit den Revolvern nach vorne. Kurz bevor er den ersten Schuss abgeben will, passiert etwas Entscheidendes: Er ist losgerannt, hat gerade ein paar Schritte gemacht, und als er den nächsten Schritt machen will, in dem er den linken Fuß zum Schritt anhebt, trifft eine Kugel das Gelenk des rechten Fußes. Der Mann fällt schreiend vornüber, mit dem Kopf voran, als wolle er ein Salto machen. Unglücklicherweise gibt noch sein Gehirn, das die aktuelle Entwicklung noch nicht mitgekriegt hat, den zuletzt geplanten Befehl an den rechten Zeigefinger durch. Der Schuss löst sich im gleichen Augenblick, als seine Hand durch den Aufprall auf den Fußboden unnatürlich samt Waffe umknickt. Die Kugel trifft vorne in den Hals ein und schießt durch das Genick durch. Röchelnd verstummt der letzte Schrei des Unglückseligen.

Elias kann zunächst keinen klaren Gedanken fassen, allein nur der Reflex befiehlt ihm, sich zu ducken. Er kauert nun hinter der Metallkiste, hinter der er vorhin noch steht, und fühlt sich etwas sicherer. Die Kisten scheinen einigermaßen durchschusssicher zu sein.

Er atmet tief durch, Minuten vergehen, hinter ihm ertönen weitere Schüsse, unterbrochen durch Schreie. Elias beruhigt sich allmählich, und sein Verstand beginnt zu arbeiten. Nun überlegt er, was er tun kann. Er hat selbst keine Waffen, selbst wenn, er hat noch nie im Leben eine Waffe abgedrückt. Und wie die beiden Männer vorhin eindrucksvoll bewiesen haben, bringt eine Gegenwehr nicht die erwünschte Wirkung. Um einen Ausweg zu planen, muss man wissen, in welcher Lage man sich befindet. Er nimmt also eine der Spiegelscherben, die bis zu ihm geflogen sind, und benutzt sie, um hinter sich auf den Platz zu blicken.

Die Leute fallen um wie die Fliegen, für jeden, der getroffen wird, scheinen zwei neue zu kommen. Woher sie kommen, kann Elias nicht sehen. Sie sind irgendwie überall.

Was ist passiert, wie kann es kommen, dass so viele Menschen aufeinander schießen, fragt sich Elias. Dann bekommt er Klarheit. Dies kann nicht die Wirklichkeit sein. »Es ist viel zu unreal, als dass es real sein könnte« murmelt er und schmunzelt über seine eigene Wortwahl. Er ist nun in einer Art des Wachzustandes innerhalb des Traumes. Er weiß, dass er träumen muss, und er weiß, dass er nun in der Lage ist, seinen Traum nach Belieben abzuändern und seinen Wünschen entsprechend zu gestalten. Er schaut auf den Spiegel und sieht zu, wie die Veränderungen anfangen. Zuerst verwandelt sich die Landschaft in eine grüne Wiese, durchsetzt mit einigen Bäumen, ganz langsam und verschwommen. Die Leute aber schießen weiter um sich. Nun steht Elias auf und dreht sich den Leuten zu. Auch der Lagerraum ist nicht mehr da. Es sind gar keine Gebäude mehr da, keine Container, keine Kisten. Er hebt beide Hände und streckt sie aus. So als wenn er wie ein Redner seine aufgebrachten Zuhörer beruhigen wolle. Die Waffen verschwinden, die Menschen verbleiben, verändern sich aber. Die wilden, wütenden Fratzen, die sie bis eben noch geschnitten haben, verschwinden. Sie werden ersetzt durch äußerst friedfertige, zufriedene Blicke, die ganze Lage entspannt sich.

Auch Elias lächelt ein äußerst friedfertiges, zufriedenes Lächeln, bis sich auf einmal die Mienen der Menschen erneut verändern. Diesmal ohne das Zutun von Elias. Die Mienen verdunkeln sich, die Körper der Menschen verschwimmen, bis man nur noch schemenhafte Gestalten wahrnimmt. Die Augen werden zu kleinen schwarzen Dreiecken und verdrehen sich gegeneinander, außen nach unten und innen nach oben. Die Münder werden aufgerissen und weiten sich spitz nach unten, wie auf dem Gemälde, das Elias unfreiwillig ermalt hat. Und sie sehen alle Elias an. Elias will schreien, aber kein Laut kommt über seine Lippen.

Schweißgebadet wacht er auf.

»Sometimes I think the surest sign that intelligent life exists elsewhere in the universe is that none of it has tried to contact us.«

Bill Watterson

Nach einem kurzen aber komatösen Schlaf erwache ich an einem Montagmorgen.

»Du weißt nicht wann du aufhören sollst! « geht es mir durch den Kopf. Das Wochenende hatte sich schneller verbraucht als erhofft und angenommen, zudem befand sich wohl zu wenig Martini in den Cocktails, die ich getrunken hatte. Erwähnenswert wäre hierbei noch, dass die Cocktails eigentlich nur aus Wodka und Martini bestanden, mit je einer Olive – der Vitamine wegen.

Es regnet unaufhörlich. Die Regentropfen, die eigentlich viel zu groß waren, plätschern nicht, sondern klatschen gleichgültig ans Schlafzimmerfenster und kündigen die Langeweile an. Ich muss zur Arbeit.

Ich muss.

»Warum eigentlich? « frage ich mein geschundenes Selbst im Spiegel. Er antwortet nicht. Warum auch. Ihm ist es noch gleichgültiger wie mir. Auch sonst macht mein Spiegelbild nicht den Eindruck eines Mannes, der nur so vor Vitalität und Tatendrang strotzt.

Im Schnellprogramm spule ich die jahrelang antrainierten Fähigkeiten ab: Rasieren, Zähneputzen, Duschen, Frühstücken, Anziehen. Oder war es andersherum? Spielt auch keine Rolle, einmal antrainiert, werden diese Skills schon so unbewusst gesteuert, dass die Reihenfolge fast beliebig ausgetauscht werden kann, ohne dass der Proband verwirrt wird. Trotz des erwähnten Schnellprogramms kommen mir meine Bewegungen träge vor. Alles geschieht irgendwie in Zeitlupe.

Irgendwie schaffe ich es, trotz des Unwillens in mir, mich innerhalb sechzehn Komma fünf Minuten nach dem Aufstehen fertigzumachen und kurz nach viertel nach vier loszufahren – ich habe Frühschicht, die um fünf Uhr anfängt – und während ich zur Fähre hetze, geht mir der Inhalt des Zettels durch den Kopf, den ich nach einer Zigarettenpause auf meinem Arbeitsblatt vorfand. Er verriet mir, dass die Fünf-Minuten-Pause eine Fünf-Minuten-Pause ist, weil sie nicht sechs Minuten dauert. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, warum die sich Terranova Industries nennen, ohne auch nur einen Funken Menschlichkeit zu besitzen.

Ich freue mich auf meinen Job.

In der Fähre komme ich mir wie eine Sardine in der Büchse vor. Zumindest riecht es wie in einer, dank des odorphinischen Piloten. Und die Passagiere sind auch wie in einer Sardinenbüchse zusammengequetscht. Unterwegs höre ich unfreiwillig den Unterhaltungen meiner Leidensgenossen zu. Zwei Split unterhalten sich, und der eine erzählt dem anderen, wie er liebend gerne die Haustiere der Touristen auf der Station – statt kurz und schmerzlos zu vaporisieren, liebend gerne in einen Sack steckt und in der Badewanne ersäuft. Schauer geht mir über den Rücken und ich denke, dass man mit ihm genau das Gleiche tun sollte, aber mit einer gewissen Verzögerungstaktik, damit er den „Spaß“ auch wirklich genießen kann. Man taucht ihn ins Wasser, bis er denkt »Ok, das war’s dann wohl« um ihn genau just in dem Augenblick wieder hochzuziehen, an dem er schon das Zeitliche zu segnen versucht. Und das Ganze dann so lange, bis er sich schon daran gewöhnt und denkt, dass sich das Spielchen noch Jahre ziehen und er danach fröhlich herausspazieren könne. Genau dann, wenn er das Überleben für sehr wahrscheinlich hält und fest damit rechnet, zum x-ten Mal wieder hochgezogen zu werden, bleibt eben genau diese Aktion zu seiner Überraschung aus.

Meine Gedanken schweifen ab und werden gerade noch rechtzeitig unterbrochen durch die Durchsage meines Ziels.

Am Zielort angekommen, steige ich aus der Fähre, gehe ein paar Meter bis zu den Treppen, die hinunter in die Haupthalle führen und sehe eigentlich nur eines: riesige, anonyme Arbeitertruppen, die sich aus der Fähre über die Treppen durch die lang gezogenen Gänge der Haupthalle schlängeln. Alle sehen jeden und niemand sieht irgendwen. Die Masse ist so gewaltig, dass ein Jemand, der in die Gegenrichtung möchte, regelrecht weggeschwemmt wird.

Ich schaue mir dieses lemmingartige Schauspiel eine Weile an und nach ganzen vier Minuten und dreiundfünfzig Sekunden ist es auch schon wieder vorbei – bis die nächste Fuhre mit den Arbeitern und Angestellten ankommt.

Dies ist dann auch der Moment, an dem ich mich umdrehe und, anstatt zur Arbeit, wieder zurück nach Hause fliegen möchte.

»Hey Pilot! « schallt es in dem Augenblick, als ich mich in Bewegung setzen will. »Name und Dienstnummer? « möchte der Homirid mit dem Lasergewehr an der Schulter wissen.

»Ahab, Dienstnummer 24587G/7« höre ich mich sagen.

»Sie sind eingeteilt für einen Testflug! Wo wollen Sie hin? haben Sie das schon vergessen?«

Am liebsten würde ich Ihm jetzt eine Empfehlung zum Besten geben, das Sturmgewehr und sein Rektum betreffend.

»Nein Sir“, sage ich. Und füge völlig unglaubwürdig zu »Ich hatte nur was in der Fähre vergessen.«

»Das können Sie nachher abholen, Ihr Testflug beginnt in 30 Minuten. Ab in die Mannschaftskabinen und fertigmachen! Und keine Sorge, mit dem neuen Sprungantrieb sind Sie in nullkommanichts zurück. Los!“ Der Homirid kann sich das Grinsen nicht verkneifen. Wie gern ich ihm dieses Grinsen aus seinem dämlichen Gesicht treten würde sage ich ihm nicht.

Dreißig Minuten später sitze ich in voller Montur in einem X3, Jägerklasse, bewegungslos mitten im Sektor. Ein nostalgischer Sentinel. Mit einem experimentellem Sprungantrieb. Effizienter, leiser, sparsamer, bla bla bla.

Ich schweife wieder ab, denke an meine erste Zeit bei Terranova Industries vor. Es war schön. Ich war jung. Ich war hungrig nach Erfolg. Und ich wollte die Erde wieder finden. Schließlich hatte ich es geschafft, war der Verteidiger der Union, Paladin des Königreiches, Kriegsherr des Kravok, Ehrenschild des Tharax und Beschützer aller Terraniden.

Danach hatte ich alles verloren. Ich wurde eingesperrt und zu Zwangsarbeit verdonnert. Und das nur, weil ich einen X2 an einer Mine geschrottet hatte.

Ok, fairerweise muss ich sagen, der Umstand, dass ich dabei nicht auf dem Pilotensitz saß, sondern gerade der Tochter des Terranova Industries Eigners meinen ganz besonderen Andockvorgang zeigen wollte, wurde überraschenderweise nicht zu meiner Entlastung verwendet.

»T-9, T-8, T-7…« unsanft werde ich aus meinen Träumen gerissen. Der Countdown hatte angefangen,

Ich schnalle mich an, nehme noch einen schnellen Schluck homiridischen Whiskey aus dem Flachmann in meiner Brusttasche und hoffe wieder zurück zu sein, bevor ich die alles austrinken kann.

»…, T-2, T-1, GO!« brüllt der Lautsprecher und alles wird weiß.

… klick klick klick …

Ich ziehe die Decke bis über die Ohren. Heute Morgen sollte es wärmer sein, hatten sie gesagt.

… zirp ping klick …

Fremde Geräusche durchdringen meinen Halbschlaf. Mein Wecker klingt doch anders. Widerwillig werde ich nun doch wacher. Langsam schärfen sich meine Sinne. Meine Geruchssinne nehmen ungewohntes wahr. Irgendwie metallisch. Ein seltsamer Geschmack von Blau umgibt mich. Es fühlt sich an, als wäre ich im Schoß der Geborgenheit. Ich fühle mich wohl.

… zzrrrpk blip klick …

Doch die Kälte kriecht unter die Decke. Es sollte wärmer werden, hatten sie gesagt. Ich versuche, mich noch mehr einzuhüllen. Mein Fuß wird plötzlich warm. Verwirrung macht sich breit. Warum wirkt die Decke nur an meinem Fuß und sonst nirgends? Die Wärme weicht einem brennenden Schmerz.

… klick ping summ …, diesmal mit einer fragenden Note.

Ich versuche mich zu fokussieren. Das Atmen fällt mir schwer. Bewegungen fühlen sich an, als würde ich durch dicken Nebel waten – kein Widerstand.

Angst und Panik beginnen, mich zu übermannen.

… zirp zzrrrpk plingggg … bestätigt die unheimliche Präsenz.

Ich öffne meine Augen, sehe nur unscharfe Lichter und Schatten. Meine Sicht ist eingeschränkt, und ich verstehe nicht warum. Ich kämpfe gegen das schwache Licht und die Müdigkeit in meinen Augen an. Ich schließe sie wieder und versuche erneut, mich zu bewegen. Dieses Mal sind meine Bewegungen schwerfällig und unkoordiniert.

… klick klick klick … Die rätselhafte Quelle drängt erneut.

Ich öffne meine Augen wieder. Diesmal kann ich mehr erkennen. Vor mir schwebt eine etwa dreißig mal dreißig Zentimeter große Tafel. Eine schimmernde Linie zieht sich waagerecht über die Oberfläche, und langsam beginne ich, die anderen Linien und Beschriftungen am Rand zu erfassen.

Der stechende Schmerz in meinem Fuß hat sich in ein durchdringendes Glühen verwandelt.

Ich sehe mir die Tafel nochmal an. Genauer! Los, sieh genauer hin!!!

Als ich das S gefolgt von einem E sehe, dämmert es mir und ich erinnere mich langsam. Ich sehe mich nochmal um, erkenne mein Visier, sehe mir meine Hand an und sehe Handschuhe. Schaue an mir herunter und erkenne den Raumanzug. Den verbesserten. Die Systeme blinken und piepsen wie verrück. Mein Fuß ist zerquetsch, aber der Raumanzug ist heil geblieben. Verbesserter Raumanzug eben.

Der Testflug. Dieser verdammte Testflug!

»Ein Halleluja auf den Konstrukteur« denke ich mir, während ich weitere Trümmerteile des Sentinel sehe.

»Wo zum Teufel bin ich gelandet??« höre ich mich denken, greife mir an die Brust und fühle den Flachmann. Ich freue mich, auch wenn ich nicht den leisesten Plan habe, wie ich einen Schluck nehmen kann, ohne dabei zu sterben.


Fragmente aus „Vier Uhr Morgens“

„Ich bin nicht
verloren. Ich erkunde
nur.“

– Unbekannt

WARUM ZIELSTREBIGKEIT EIN
MYTHOS IST (UND UMWEGE
INTERESSANTER SIND)

Der direkte Weg ist selten der beste – meistens ist er nur der langweiligste. Wer sich treiben lässt, entdeckt mehr als derjenige, der zwanghaft nach vorne rennt.

Zielstrebigkeit ist das Lebenskonzept der Leute, die glauben, dass das Universum einen Plan für sie hat. Als ob das Leben eine gerade Linie wäre und eine Aneinanderreihung von Stolpersteinen, Sackgassen und plötzlichen Baustellen. Diejenigen, die stur auf ihr Ziel zu rennen, merken oft erst zu spät, dass sie auf eine Wand zugerannt sind – oder noch schlimmer: dass ihr großes Ziel einfach nur ein Parkplatz mit schlechter Beleuchtung war.

Wer sich treiben lässt, stolpert oft über Dinge, die er nie gesucht hat, aber trotzdem braucht. Der direkte Weg ist vielleicht der effizienteste, aber auch der langweiligste. Und am Ende führt er genau dorthin, wo man von Anfang an sein wollte – was meistens der größte Fehler ist.

Wer keinen Plan hat, wohin er will, wird dort kommen wo er wollte – und nirgendwo sonst. Manchmal ist das ziellose Umherirren der einzige Weg, wirklich irgendwo anzukommen.

Endgültige Ansagen

Kapitel 2: Der Moment der Wahrheit

Ich erinnere mich an den Tag, als ich das bescheidene Heim meiner Großmutter in unserem kleinen Städtchen besuchte. Es war ein Tag, an dem die Zeit langsamer zu vergehen schien, ein Nachmittag wie aus einem vergilbten Fotoalbum: Die Sonne tauchte die Welt in dieses warme, weiche Licht, das selbst die bröckelnde Farbe der Hausfassaden irgendwie romantisch aussehen ließ und warf lange Schatten auf die kopfsteingepflasterten Straßen, und die Geräusche der Welt klangen gedämpft, als hielten sie den Atem an. In der Ferne dudelte ein altes Radio irgendeine Melodie, die wohl schon vor Jahrzehnten altmodisch war.

Das Haus meiner Großmutter roch, wie es immer roch: Nach frisch gebackenem Brot, einer Prise Lavendel und diesem undefinierbaren Duft von Holz und alten Büchern, der nur in Häusern existiert, die mehr erlebt haben als die Menschen, die in ihnen wohnen. Die Wände schienen Geschichten zu flüstern, wenn man genau hinhörte, und jedes Möbelstück trug die leisen Spuren von Jahrzehnten stiller Beständigkeit. Ich betrat das Wohnzimmer, wo sie saß – wie immer in ihrem alten, aus der Zeit gefallenen Sessel, der mehr Geschichten kannte als so mancher Historiker und wahrscheinlich mehr Gespräche belauscht hatte als jeder Geheimdienst der Welt. Der Stoff war an den Armlehnen leicht abgenutzt, das Holz knarrte, als sie sich in ihm bewegte, als wollte er damit sagen: Ja, ich bin alt, aber ich war hier, bevor du geboren wurdest, und ich werde hier sein, wenn du längst weitergezogen bist.

Sie saß dort mit dieser Ruhe, die nur Menschen haben, die alles gesehen und nichts mehr zu beweisen haben. Ihre Hände, gezeichnet von Jahren harter Arbeit, ruhten auf der Armlehne, während ihre Augen mich musterten – mit einer Mischung aus milder Belustigung und jener tiefen Lebenserfahrung, die nur Großmütter besitzen. Ein Blick, der weder Urteil noch Mitleid enthielt, sondern nur eine unendliche Gelassenheit – als hätte sie alles schon einmal gesehen und beschlossen, dass sich die Dinge ohnehin in ihrem eigenen Tempo regeln würden.

 

„Setz dich, mein Junge“, sagte sie schließlich, während sie ihren Tee umrührte, obwohl da längst kein Zucker mehr drin war.

Ich ließ mich auf das knarzende Sofa gegenüber nieder, lehnte mich zurück und wartete. Ich wusste, dass es jetzt kam – eine ihrer berühmten, fast beiläufig eingeworfenen Lebensweisheiten. Diese Art von Sätzen, die scheinbar aus dem Nichts fielen, sich irgendwo tief im Kopf festhakten und dann, Jahre später, mit voller Wucht ins Bewusstsein zurückkehrten.

Doch dieses Mal fühlte es sich anders an.

Sie nahm einen langsamen Schluck Tee, ihre Augen verharrten einen Moment auf der Oberfläche der Tasse, als könnte sie darin eine Antwort erkennen, die sie noch nicht aussprechen wollte. Dann wanderte ihr Blick zum Fenster, hinaus in die dunkler werdende Welt. Die Stille dehnte sich aus, schien fast spürbar im Raum zu hängen.

Mein Herz schlug ein wenig schneller.

Ich wusste nicht, warum.

Vielleicht war es die Art, wie sie mich ansah – nicht neugierig, nicht streng, sondern mit einer tiefen, unergründlichen Ernsthaftigkeit. Als ob sie gleich etwas sagen würde, das die Dinge für immer verändern könnte.

Unwillkürlich begannen meine Gedanken zu rasen. Hatte sie ein Geheimnis, das sie all die Jahre bewahrt hatte? Etwas, das meine Familie, mein Leben in einem neuen Licht erscheinen ließ? Eine Wahrheit, die verborgen bleiben sollte, weil sie zu schwer wog, um sie zu tragen?

Und für einen Moment – nur den Bruchteil einer Sekunde – hatte ich das Gefühl, dass etwas Fremdes in ihren Augen lag. Nicht die vertraute Wärme, nicht die altbekannte Milde, sondern etwas Kaltes, Tiefes. Etwas, das nicht dorthin gehörte.

Mein Herzschlag verlangsamte sich.

Plötzlich erinnerte ich mich an Geschichten, die ich als Kind gehört hatte. Die Art von Geschichten, die nur in Flüstern weitergegeben werden, wenn das Licht schwach und die Nacht tief ist. Geschichten über Dinge, die zwischen den Wänden eines alten Hauses leben. Über Schatten, die sich im Augenwinkel bewegen, aber verschwinden, sobald man sie direkt ansieht.

Vielleicht war es nur die Stimmung.

Vielleicht war es auch etwas anderes.

Vielleicht wusste sie etwas, das ich nicht wusste.

Vielleicht hatte sie es immer gewusst.

Sie stellte ihre Tasse ab.

Ein leises Klirren.

Es hallte unnatürlich lange nach.

Dann faltete langsam die Hände in ihrem Schoß und sah mich mit diesem besonderen Blick an – einem Blick, der nichts fragte, weil er längst alle Antworten kannte – neigte leicht den Kopf und sprach mit einer Stimme, die jetzt anders klang – tiefer, schwerer, als ob jede Silbe ein Gewicht mit sich trug:

„Heute ist es soweit.“


Bald. Sehr bald.

Die Welt wird brennen. Das ist keine Prophezeiung, sondern eine Tatsache. Sie wissen es, denn sie haben es bereits gesehen. Nein – sie haben es durchlebt. Die Asche in ihren Kleidern ist der Beweis.

Und einmal am Tag, immer um 4 Uhr morgens, kommen sie zurück. Nicht, um die Zukunft zu ändern – das ist unmöglich. Sondern um nach den Dingen zu suchen, die sie verloren haben, bevor alles verbrannte. Sie treten aus dem Feuer, weil das Feuer die einzige Tür ist, die beide Seiten verbindet.

Sie gehen durch die Straßen.
Beobachten.
Lauschen.
Warten.

Manchmal betreten sie alte Wohnungen, stehen schweigend in leeren Kinderzimmern oder streichen mit den Fingern über Fotos, die längst nicht mehr existieren. Und manchmal, nur manchmal, flüstern sie einem Schlafenden ins Ohr, erzählen ihm von den Dingen, die noch nicht geschehen sind – und hinterlassen Brandspuren auf dem Kissen.

Sie gehen durch die Straßen.
Beobachten.
Lauschen.
Warten.

Ihre Gesichter sind Schemen, ihre Augen Glut. Sie sind nicht wegen dir gekommen. Aber wenn sie dich bemerken, wirst du mit ihnen gehen müssen. Und wenn sie um 4 Uhr zurück ins Feuer treten, wirst du mit ihnen verschwinden.

Und niemand wird sich an dich erinnern.